Neustart mit 50

Mit 50 nahm Brigitte Heim das berufsbegleitende Studium Pflegefachfrau HF auf. Wie es dazu kam und welche Erfahrungen sie bisher gemacht hat, erzählt sie im Interview.

Brigitte Heim, wer sind Sie?
Ich bin eine authentische Persönlichkeit, lebenserfahren und kann gut zuhören ohne zu werten. Wichtig ist für mich der Bezug zum Mitmenschen. Und alles, was ich tue, tue ich mit Herz, Hand und Verstand.

Sie haben nicht immer in der Pflege gearbeitet.
Ja, das stimmt. «Säuglings-Krankenschwester» war mein Traumberuf. Aus familiären Gründen absolvierte ich aber eine 3-jährige Coiffeuselehre in Horgen, wo ich aufgewachsen bin. Aufgrund eines Autounfalls mit 20 Jahren musste ich mich umschulen lassen. Das heisst, ich absolvierte die 3-jährige Bénédict-Handelsschule. Anschliessend war ich im Ein- und Verkauf von Industriekomponenten tätig. Mit 30 wurde ich Familienfrau und mit 50 orientierte ich mich komplett neu. Der Hinweis von Sabine Walt (Red.: Leiterin Bildung) auf den neuen Bildungsgang «HF Pflege berufsbegleitend» am Careum Zürich machte mir schliesslich bewusst, dass ich meine Vision nun verwirklichen möchte. Am 8. September 2016 fand das Eignungsgespräch statt und vier Tage später ging’s bereits los.

Was gefällt Ihnen am Pflegeberuf?
Der direkte Bezug zum Mitmenschen in all seinen Facetten. Bei der Pflege geht es immer um eine persönliche Beziehung, wobei die Frage nach Nähe und Distanz eine wichtige Rolle spielt. Aber auch die menschliche Anatomie sowie die Individualität des Menschen und der Krankheit faszinieren mich sehr.

Welches waren die Reaktionen aus Ihrem Umfeld, als Sie sich entschlossen haben, ein Pflegestudium aufzunehmen?
Die Reaktionen waren durchwegs positiv. «Endlich», «super», «mutig» so klang es aus meinem Umfeld zurück. Auch von meinen beiden Kindern (22 und 20) erhielt ich grosse Unterstützung und Bestätigung. Das hat mich natürlich gefreut und in meinem Entscheid bestärkt.

Welche Erfahrungen machen Sie auf der Station als «Senior-Studierende»?
(schmunzelt) Das SMA engagiert sich sehr für die Auszubildenden. Man spürt, dass es den Fachverantwortlichen am Herzen liegt, die Studierenden kompetent zu fördern und zu begleiten. Meine 1. HBB (Hauptverantwortliche Berufsbildnerin), Fabienne Mächler, auf dem 4.2 und ihr junges Team haben mich als Senioren-Studentin herzlich aufgenommen, gefördert und begleitet. Meine momentane 2. HBB, Christina Günther, Chirurgie und ihr Team machen das genau so. Als anspruchsvoll erwies sich mein reduziertes 60-Prozent-Pensum sowie mein Zeitmanagement, an dem ich intensiv weiterarbeite.

… und in der Schule?
In der Schule fühle ich mich ebenfalls sehr wohl. In unserer Klasse haben wir ein Altersspektrum von 20 bis 53. Man lernt voneinander. Es ist ein Geben und Nehmen. Der gemeinsame Unterricht mit jüngeren Kolle¬ginnen ist für mich deshalb sehr bereichernd.

Denken Sie, dass Sie anders an Aufgaben und Arbeiten herangehen als jüngere Kolleginnen, anders lernen vielleicht?
Ich denke schon, ja. Aufgrund meiner Lebens- und Berufserfahrung bringe ich eine gewisse Ruhe und Gelassenheit mit und mein Verantwortungsbewusstsein ist ausgeprägt. Anderseits musste ich mich innert Kürze zahlreichen Herausforderungen stellen in Bezug auf den Computer und das Internet. Hier hatten mir die Jüngeren sicher etwas voraus.

Gibt es Themen, die Sie besonders interessieren?
Ja, die Palliativpflege interessiert mich ganz besonders. Der stark interdisziplinäre Ansatz fasziniert mich. Es ist für mich sehr befriedigend, wenn man etwas mehr Zeit hat, um die Patienten und die Angehörigen kennenzulernen und wenn man auf sie eingehen kann. Aber auch die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Tod ist mir wichtig.

Haben Sie Pläne und Wünsche für die Zeit nach Ihrem Abschluss?
Ja, wie gesagt, der Palliativbereich interessiert mich sehr. Und ausserdem sage ich mir immer, begegne dem, was auf dich zukommt, nicht mit Angst, sondern mit Hoffnung. Dann wünsche ich mir weiterhin viel Freude an meiner Arbeit, ganz nach meinem Motto: «Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.»