Scham, Vorurteil & Übergewicht

Der Psychiater Dr. med. Michael Niebler kennt die Sorgen und Nöte von stark übergewichtigen Menschen aus zahlreichen Gesprächen mit ihnen. Er hat den Beitrag «Scham, Vorurteil und Übergewicht» über seine Erkenntnisse und Erfahrungen verfasst.

Als Psychiater, der mit stark Übergewichtigen arbeitet, gehört zu meinen Aufgaben mit Menschen zu sprechen, die sich gerne einer sogenannten bariatrischen Operation unterziehen wollen. Bei diesen Gesprächen geht es um zwei Dinge:

Erstens muss ich beurteilen, ob die Menschen bereit sind, diesen lebensverändernden Schritt zu gehen, d.h. ob sie verstehen, was es für Auswirkungen für ihr Leben hat und ob ihnen eine schwere psychische Erkrankung im Wege steht, diese zu bewältigen.

Zweitens möchte ich mit den Patienten herausfinden, ob sie von einem Angebot aus dem Bereich der Psychotherapie profitieren könnten.

Bei dem erwähnten Mann war die erste Frage schnell geklärt. Was mich stutzig machte, war ein gewisser Ärger gegen mich, der in der Luft lag. Ich sprach den Patienten darauf an und es wurde deutlich, dass er gehörig mit sich zu kämpfen hat, sich diesen Schritt zu erlauben. Obwohl klar war, dass nach aktuellem Stand der Medizin nur eine Operation helfen kann, sein starkes Übergewicht in den Griff zu bekommen, ärgerte er sich darüber, sich zu der Operation entschlossen zu haben. Den Ärger bekam ich zu spüren, da ich ihm auch dazu riet. Auf den ersten Blick mag so ein Verhalten unsinnig wirken, bis man zu verstehen beginnt, womit viele Übergewichtige zu kämpfen haben.

Die Gesellschaften, in denen wir im Westen leben, machen dick. An Nahrung herrscht kein Mangel, im Gegenteil, die Werber müssen sich immer Neues einfallen lassen, um noch mehr (oft sehr energiereiche) Lebensmittel unter das Volk zu bringen. Und als nächstes werden den Übergewichtigen  Produkte zum Abnehmen verkauft Wie es auch sein mag, für viele Menschen ist es eine Herausforderung ein gesundes Gewicht zu halten oder zu bekommen. Gleichzeitig herrscht eine Haltung vor, die Übergewicht als einen Art Charakterschwäche ansieht. «Der Dicke müsste sich nur mal zusammenreissen, dann hätte er das Problem nicht» mag so mancher schon zu hören bekommen haben. Wie man heute weiss, ist ein gesundes Gewicht keine Frage von Fleiss, sondern kennt verschiedene Bedingungen: Die genetische «Ausstattung» des Menschen, seine Erziehung und Aufwachsen, die Zusammensetzung seiner Darmflora u.a.m. spielen eine wichtige Rolle[1]. Das andere Bild herrscht aber vor und so habe ich nur wenige stark Übergewichtige kennengelernt, die sich nicht einem kritisch-abwertenden Blick ihrer Mitmenschen ausgesetzt fühlen. Z.B. wenn sie sich einmal ins Freibad wagen. Manchmal haben diese Menschen diesen Blick so verinnerlicht, dass sie nicht einmal den Blick in den Spiegel ertragen.

Dem abwertenden Blick eines Anderen (und sei er «nur» fantasiert) ungeschützt ausgesetzt zu sein, ist die Definition von Scham. Folgt man Daniel Strassbergs Überlegungen[2] so tritt Scham immer dann auf, wenn etwas Natürliches eines Menschen ungeschützt offenbar wird. Sei es z.B. sein Schwitzen oder sein Erröten, das zum Beispiel auf eine heftige Gefühlsregung verweist, oder eben die 20 oder 30 Kilogramm «zu viel». Auch hier könnte man vermuten, dass sich am Fett vor allem eine unkontrollierte Gier zeigen mag, also ein selbstbezogenes Konsumieren. Tatsächlich habe ich Übergewichtige vor allem als aufopferungsbereite Menschen kennengelernt. Sie tun viel, sei es für nahestehende Menschen oder eine wichtige Sache. Die eigenen Bedürfnisse (insbesondere in Bezug auf andere Menschen, z.B. nach Zuwendung) stehen dabei zurück, bis man sich nicht mehr zusammenreissen kann und der lang gehegte Verzicht aufgegeben wird. Statt Anerkennung und Selbstfürsorge gibt es dann Pommes Chips und Schoggi. Ist es zunächst recht praktisch, dass die Belohnung im Magen verschwindet und unsichtbar wird, so zeigt sie sich bald aber auf den Hüften, was dem strengen Blick auf sich selbst nicht entgeht. Die folgende Scham ist ein Ansporn sich wieder zusammenzunehmen und für andere zu leisten, da es ja nur dick macht, wenn man sich etwas Gutes tut. Ein Teufelskreis beginnt, der für die Betroffenen mit ständiger Selbstüberprüfung und Ansporn zu mehr Leistung einhergeht. Das, was sie dabei erreichen, kann selten genossen werden. Entsprechend unter Strom stehen die Menschen und das macht sie sicher sehr empfindlich für alles was nach Bewertung klingt.

Die Arbeit des Psychotherapeuten ist nun, den Menschen zu bestärken, selbst etwas wünschen zu dürfen ohne sich dabei übermässig zu schämen. Gleichzeitig brauchen aber viele Übergewichtige Anleitung, wie man – abgesehen vom kaloriendichten Essen – geniessen kann. Das ist ein langer und spannender Prozess. Leider verhindert oft die Scham darüber sich eine Therapie zu gönnen und auch die Scham dem Blick des Therapeuten ausgesetzt zu sein, diesen Weg einzuschlagen. Gelingt es jedoch, so ist es eine wertvolle Ergänzung zur Behandlung im interdisziplinären Team.

Autor: Dr. med. Michael Niebler


[1] Vgl. Alfred Wirth Diagnostik und Ätiologie der Adipositas in Stephan Herpertz et al. «Handbuch Essstörungen und Adipositas» Springer 2015 S. 357 ff

[2] D. Strassberg: Scham als Problem der psychoanalytischen Theorie und Praxis, Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, 155 5/2004