Herausforderungen des (Covid) Spitalalltags

Die zweite Welle des Coronavirus traf die Schweiz mit voller Wucht. Sie ist stärker ausgeprägt und dauert, auch saisonbedingt, länger. Im Spital Männedorf mussten im Dezember bis zu 26 Patienten gleichzeitig stationär behandelt werden.

> Dr. med. Anouk Chuffart und Dr. med. Beat Frank, Co-Leitung der Notfallstation, sind an vorderster Front tätig

Neben der anspruchsvollen und intensiven Pflege der Patienten sorgte auch der krankheitsbedingte Personalausfall für Engpässe. Zum Teil mussten Operationen verschoben, Stationen kurzfristig geschlossen und Personal umverteilt werden. Diese Massnahmen waren notwendig, um Covid und Non-Covid-Patienten gleichermassen in gewohnter Qualität betreuen zu können. 

Eine Station, die seit dem Ausbruch der Pandemie permanent ausgelastet ist, ist die Notfallstation. Wir haben daher bei Dr. med. Anouk Chuffart, Co-Leitung Notfallmedizin und Hygieneärztin, und Dr. med. Beat Frank, Co-Leitung Notfallmedizin und Personalarzt, genauer nachgefragt.

Was war /ist nach Ihrem Empfinden schlimmer? Die erste oder die zweite Covid-Welle?

Anouk Chuffart (A.C.): Während der ersten Welle wussten wir nicht genau, was uns erwartet. Wir hatten zwar die schrecklichen Bilder von Norditalien vor Augen, wussten aber nicht, ob und wann es uns treffen würde. Wir hatten glücklicherweise mehr Zeit, uns entsprechend vorzubereiten und aus den Erfahrungen der betroffenen Spitäler im Tessin und Norditalien zu lernen. Die Ruhe vor dem Sturm, das Warten, war schwierig auszuhalten–mit Verzögerung sind dann die ersten Fälle gekommen. Glücklicherweise hatten wir genügend Kapazität und waren als ganzes Team gut vorbereitet, sodass wir die erste Welle gut meistern konnten. Wir haben seit dem Frühling viel gelernt. Wir wissen heute viel mehr über den Umgang mit den Patienten und die Therapie. Durch die Erfahrung können wir sie nun wohl auch besser behandeln.

Beat Frank (B.F.): Diskussionen um die Schutzmassnahmen und die Angst, dass sich das Personal in Gefahr begibt bei der Patientenbetreuung gab es in der zweiten Welle nicht mehr. Wir wissen nun, dass unsere Schutzvorkehrungen wirken. Die zweite Welle empfinde ich als anstrengender als die erste, da wir viel mehr zu tun haben und sie länger dauert. Der Vorteil ist aber, dass wir viele Konzepte, die wir während der ersten Welle erarbeitet hatten, nun reaktivieren konnten. 

A.C.: Die zweite Welle dauert länger an, das Ende ist leider nicht absehbar. Nach der ersten Welle kamen viele Nicht-Covid Patienten, welche über mehrere Wochen aus Angst zuhause blieben. Das waren zum Teil schwer kranke Patienten. Nach dieser Non-Covid- Welle kamen in den Sommerferien die ersten infizierten Reiserückkehrer. Somit war klar, dass die zweite Covid-Welle anrollt. Insgesamt fehlten im vergangenen Jahr ruhigere Phasen, in denen sich das Team erholen konnte, und es ist auch keine solche in Sicht. Wir wissen noch nicht, wie schnell sich die mutierten Viren bei uns ausbreiten und eine noch grössere dritte Welle hervorrufen könnten.

In der zweiten Welle las man immer wieder, dass nicht die Betten, sondern das Spitalpersonal der limitierende Faktor sei. Wie war das im Spital Männedorf?

B.F.: Es fiel deutlich mehr Personal aus als erwartet. In der ersten Welle hatten wir uns in erster Linie Gedanken über die Plätze auf der Intensivstation und das vorhandene Schutzmaterial gemacht. Der Personalausfall ist in der zweiten Welle ein viel wichtigeres Thema und der limitierende Faktor. Der allergrösste Teil der wegen Covid ausgefallenen Mitarbeitenden haben sich nicht bei der Arbeit angesteckt. Fast alle Infektionen kamen aus dem privaten Umfeld, was auch nicht erstaunlich ist angesichts der hohen Fallzahlen.

A.C.: Erschwerend kommt hinzu, dass an Covid erkrankte Mitarbeitende jeweils mindestens zehn Tage zuhause in Isolation sind. Daraus kann sich rasch ein relevanter Personalmangel entwickeln.

Seit April werden im Spital Covid- als auch Non-Covid-Patienten behandelt. Wie sieht der Parallelbetrieb aus?

A.C.: Die Schutzmassnahmen sehen vor, dass wir alle Patienten – und auch uns Mitarbeitende – so verhalten und schützen, als könne jeder mit dem Virus infiziert sein. Nur so können wir den Schutz des Personals und der Patienten gewährleisten.

Durch die Häufigkeit der Erkrankung besteht die Gefahr, eine „Covid-Brille“ aufzuhaben, heisst, hinter jedem Symptom primär an Covid zu denken. Die Herausforderung bleibt, breit zu denken und uns selbst immer wieder daran zu erinnern, dass es auch andere Erkrankungen gibt. Wir dürfen nicht nur Covid sehen.

Wie sehen Ihre Prognosen aus? Was spielt die Impfung für eine Rolle?

B.F.: Das Notfallpersonal ist nach einigen Ausfällen wieder stabil. Die Notfallpflege ist sich gewohnt, mit unvorhersehbaren Situationen umzugehen und bewährt sich auch in dieser arbeitsreichen Zeit bestens. Persönlich rechne ich frühestens im Frühling mit einer deutlichen, anhaltenden Abnahme der Fälle. Das hat auch damit zu tun, dass die Patienten – wenn überhaupt – ja immer erst zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung hospitalisiert werden, und dann häufig für längere Zeit im Spital bleiben.

Was wünschen Sie sich für die Zeit nach Covid?

A.C.: Dass wir wieder einmal im Seehüsli zusammensitzen können, miteinander anstossen und es gemütlich haben. Fürs Team ist es wichtig, sich ab und zu ausserhalb des Spitals zu treffen.

B.F.: Ich freue mich, von unseren Mitarbeitenden wieder das ganze Gesicht zu sehen. Vor allem von neuem Personal, das man nur mit Nasenmundschutz kennt.

Beide: Lassen Sie sich impfen, denn im Moment ist das der einzige Weg, der in Richtung Normalität geht. Es geht nicht nur um den Schutz unserer Patienten, sondern auch um den eigenen. Wir haben nicht wenige junge Patientinnen und Patienten gesehen mit langwierigen, unangenehmen Krankheitsverläufen. Es trifft nicht nur die ältere Generation.